WEBVTT - generated by VCS

1
00:00:05.360 --> 00:00:09.840
Mit 17, 18 Jahren habe ich ein Stipendium gekriegt.

2
00:00:09.840 --> 00:00:10.960
Ich wollte immer

3
00:00:12.640 --> 00:00:15.800
irgendwohin in die Welt gehen und lernen,

4
00:00:15.800 --> 00:00:18.120
Kunst studieren und lernen.

5
00:00:18.880 --> 00:00:22.400
Ich habe ein Stipendium beantragt.

6
00:00:22.400 --> 00:00:24.400
Das hat in Italien geklappt,

7
00:00:25.080 --> 00:00:28.400
in Polen,

8
00:00:28.400 --> 00:00:31.440
und in der DDR damals.

9
00:00:31.440 --> 00:00:34.760
Und mein Vater sagte: Pass auf, Emmanuel,

10
00:00:34.760 --> 00:00:38.640
wenn es Dresden ist, dann gehst du hin.

11
00:00:38.640 --> 00:00:42.640
Das ist besser als Italien, besser als Frankreich,
besser als überall.

12
00:00:44.040 --> 00:00:46.080
Berlin oder Leipzig nicht,

13
00:00:46.080 --> 00:00:49.240
aber Dresden, sagte er.

14
00:00:49.240 --> 00:00:51.080
Weil Dresden hat

15
00:00:51.080 --> 00:00:55.000
eine sehr alte Akademie, die 300 Jahre alt
ist.

16
00:00:55.000 --> 00:00:57.560
Und dort lernst du wirklich

17
00:00:58.760 --> 00:01:01.000
gute Kunst, Technik und alles.

18
00:01:02.000 --> 00:01:06.000
Und dann habe ich Dresden gewählt

19
00:01:06.000 --> 00:01:13.000
und kam erstmal nach Leipzig, wo ich ein Jahr
lang

20
00:01:13.000 --> 00:01:19.000
Deutsch gelernt, so was wie Abitur gemacht,

21
00:01:19.000 --> 00:01:23.000
und eine Prüfung an der Akademie abgelegt
habe.

22
00:01:24.000 --> 00:01:27.000
Und damals war das nicht so einfach.

23
00:01:28.000 --> 00:01:32.000
Von 3000 Leute hat die Akademie 80 gewählt,

24
00:01:32.000 --> 00:01:38.000
die die Prüfung ablegen durften, und von den
80,

25
00:01:38.000 --> 00:01:40.000
bleiben am Ende 10 übrig.

26
00:01:42.000 --> 00:01:48.000
Und wir hatten mehr Professoren als Studenten.

27
00:01:48.000 --> 00:01:55.000
Also für jede Technik hatten wir einen Professor,
einen Lehrer.

28
00:01:55.000 --> 00:02:01.000
Ich war davor für paar Monate in Paris in
der Akademie,

29
00:02:01.000 --> 00:02:05.000
da kam der Lehrer einmal, zweimal in der Woche:

30
00:02:05.000 --> 00:02:08.000
Das ist gut, das ist schlecht. Und tschüss.

31
00:02:08.000 --> 00:02:10.000
Mehr haben wir ihn nicht zu sehen bekommen.

32
00:02:10.000 --> 00:02:13.000
Und du musstest dort selber lernen.

33
00:02:13.000 --> 00:02:19.000
Aber in Dresden war es wirklich sehr professionell,

34
00:02:19.000 --> 00:02:22.000
also Dresden war eine gute Schule.

35
00:02:23.000 --> 00:02:28.000
Gottfried Bammes war unser Anatomielehrer.

36
00:02:29.000 --> 00:02:31.000
Normalerweise siehst du niemanden,

37
00:02:31.000 --> 00:02:34.000
der vor dir die Muskeln zeichnet.

38
00:02:34.000 --> 00:02:39.000
Da hast du in jeder Akademie der Welt einen
Doktor,

39
00:02:39.000 --> 00:02:43.000
der dir mit einem Stock so deine Muskeln zeigt.

40
00:02:43.000 --> 00:02:47.000
Das ist der Deltamuskel, das der Bizeps, das
ist der Trizeps.

41
00:02:47.000 --> 00:02:51.000
Das Schlüsselbein und so weiter.

42
00:02:52.000 --> 00:02:58.000
Aber Bammes hat das richtig gezeichnet und
er hat uns

43
00:02:58.000 --> 00:03:03.000
Proportionen und Funktion

44
00:03:04.000 --> 00:03:06.000
der Muskeln und Knochen gezeigt.

45
00:03:06.000 --> 00:03:08.000
Das war sehr gut.

46
00:03:09.000 --> 00:03:13.000
Dann...

47
00:03:15.000 --> 00:03:22.000
im ersten Studienjahr und im zweiten Studienjahr

48
00:03:22.000 --> 00:03:23.000
war mehr Theorie

49
00:03:23.000 --> 00:03:27.000
und danach hatten wir freie Malerei.

50
00:03:28.000 --> 00:03:31.000
Wir sollten das machen, was wir wollen.

51
00:03:33.000 --> 00:03:35.000
Ich habe ein bisschen Schwierigkeiten gehabt,

52
00:03:35.000 --> 00:03:40.000
mit Professor Bondzin,

53
00:03:40.000 --> 00:03:44.000
weil ich so gemalt habe, wie ich wollte, nicht
wie die wollten.

54
00:03:44.000 --> 00:03:48.000
Ich habe immer gesagt, wir haben die Sonne
bei uns.

55
00:03:48.000 --> 00:03:50.000
Die Farben sind anders,

56
00:03:51.000 --> 00:03:56.000
es ist nicht so grau wie in Europa.

57
00:03:56.000 --> 00:03:58.000
Und na ja,

58
00:04:00.000 --> 00:04:07.000
diesen sozialistischen Realismus konnte ich
nicht malen.

59
00:04:09.000 --> 00:04:14.000
Die wollten, dass du

60
00:04:15.000 --> 00:04:17.000
so malst wie die wollten,

61
00:04:18.000 --> 00:04:22.000
aber jeder hatte einen Charakter und jeder
wollte anders malen.

62
00:04:25.000 --> 00:04:31.000
Und das Schönste war, dass ich,

63
00:04:32.000 --> 00:04:38.000
dass ich einen Künstler kennengelernt habe,
den Ralf Winkler,

64
00:04:38.000 --> 00:04:44.000
A. R. Penck, in einem Café “Espresso”

65
00:04:44.000 --> 00:04:46.000
auf der Prager Straße.

66
00:04:46.000 --> 00:04:50.000
Und ich habe ihn gefragt,

67
00:04:50.000 --> 00:04:53.000
was er macht und er sagte: “Ich bin ein LKW-Fahrer”.

68
00:04:53.000 --> 00:04:57.000
Das war unser erstes Meeting.

69
00:04:59.000 --> 00:05:03.000
Und dann sind wir sehr gute Freunde geworden.

70
00:05:06.000 --> 00:05:09.000
Und wir waren immer, jeden Tag,

71
00:05:09.000 --> 00:05:13.000
zusammen und er war ein sehr freier Maler,

72
00:05:13.000 --> 00:05:18.000
also der malte, was er wollte...

73
00:05:19.000 --> 00:05:22.000
Er hat es nicht geschafft in die Akademie

74
00:05:22.000 --> 00:05:26.000
reinzukommen, weil er nicht gut war, haben
die gesagt,

75
00:05:26.000 --> 00:05:31.000
dabei ist er heute der beste Künstler.

76
00:05:34.000 --> 00:05:37.000
Aber ich habe dann gemerkt,

77
00:05:37.000 --> 00:05:42.000
bei meinem Diplom, bei der Verteidigung, zu
der er mitgekommen ist,

78
00:05:42.000 --> 00:05:46.000
alle hatten Respekt, auch Professor Kettner.
Alle hatten Respekt vor ihm.

79
00:05:48.000 --> 00:05:54.000
Und er hat mir auch geholfen mit meinem Diplom.

80
00:05:54.000 --> 00:05:58.000
Der Text von meinem Diplom.

81
00:05:59.000 --> 00:06:05.000
Und das war eine schöne Erfahrung.

82
00:06:07.000 --> 00:06:11.000
Als Künstler siehst du nicht, wie arm und
reich das Land ist,

83
00:06:11.000 --> 00:06:16.000
ob du Apfelsinen kriegst oder Banane oder Devisen
oder Kaugummi,

84
00:06:16.000 --> 00:06:17.000
weißt du?

85
00:06:19.000 --> 00:06:23.000
Meine Welt war meine Kunst und Hauptsache

86
00:06:23.000 --> 00:06:25.000
ich habe Farbe, Leinwand, alles da

87
00:06:26.000 --> 00:06:29.000
und male. Die DDR...

88
00:06:30.000 --> 00:06:37.000
Mein Pech war, dass in meinem erstem Studienjahr
der Bürgerkrieg angefangen hat

89
00:06:37.000 --> 00:06:42.000
im Libanon, und ich hatte dann keine Post.
Gar nicht.

90
00:06:42.000 --> 00:06:46.000
Drei Jahre lang habe ich nicht von meinen Eltern
gehört.

91
00:06:46.000 --> 00:06:49.000
Ich war... Wie alt war ich? 18, 19?

92
00:06:49.000 --> 00:06:53.000
Ich war ein junger Mann und ich musste dann

93
00:06:53.000 --> 00:06:58.000
in Fabriken arbeiten, weil mein Stipendium
sehr gering war.

94
00:06:58.000 --> 00:07:00.000
230 Ostmark.

95
00:07:01.000 --> 00:07:03.000
Und in der Mensa

96
00:07:03.000 --> 00:07:08.000
hast du einmal in der Woche Fleisch bekommen,
und sonst Kartoffeln

97
00:07:08.000 --> 00:07:14.000
und Quark und Zwiebeln. Da war es schwer.

98
00:07:15.000 --> 00:07:22.000
Aber in diesen Fabriken habe ich Diamant-Fahrräder
gebaut.

99
00:07:22.000 --> 00:07:26.000
Ich habe Presskartons hergestellt.

100
00:07:26.000 --> 00:07:33.000
Wir mussten immer was anderes machen, damit
wir besser leben.

101
00:07:33.000 --> 00:07:36.000
Und mit den Künstlern, den deutschen Künstlern,

102
00:07:36.000 --> 00:07:40.000
auch mit Ralf zum Beispiel,

103
00:07:40.000 --> 00:07:43.000
haben wir uns immer ausgetauscht.

104
00:07:43.000 --> 00:07:51.000
Er hatte zum Beispiel einen Stil,

105
00:07:51.000 --> 00:07:56.000
wo er diese Strichmännchen gemalt hat, diese
Urmenschen

106
00:07:56.000 --> 00:07:59.000
aus der Höhlenmalerei.

107
00:08:00.000 --> 00:08:02.000
Und aus meiner Welt

108
00:08:02.000 --> 00:08:06.000
habe ich ihm immer die Kelims gezeigt, kaukasische
Kelims.

109
00:08:06.000 --> 00:08:09.000
Und wir haben gesagt wie, wie bei einem Kelim,

110
00:08:09.000 --> 00:08:13.000
ist bei einem Bild jeder Zentimeter ausgearbeitet,

111
00:08:13.000 --> 00:08:15.000
nicht nur das Thema in der Mitte.

112
00:08:17.000 --> 00:08:19.000
Das ist kein Passbild,

113
00:08:19.000 --> 00:08:21.000
wo du in der Mitte stehst und ein Foto machst.

114
00:08:22.000 --> 00:08:24.000
Du bist nicht der Wichtige in dem Bild.

115
00:08:24.000 --> 00:08:27.000
Das Bild ist wichtig, wie das komponiert ist
und so.

116
00:08:29.000 --> 00:08:30.000
Und...

117
00:08:34.000 --> 00:08:37.000
Ich habe von ihm auch

118
00:08:37.000 --> 00:08:42.000
diese freie Malerei gelernt, weil ich

119
00:08:42.000 --> 00:08:48.000
zu viel Mathematik hatte in meiner Arbeit,
ich rechnete zu viel,

120
00:08:48.000 --> 00:08:54.000
und er wollte, dass ich frei bin. Also solche
Austausche,

121
00:08:54.000 --> 00:08:59.000
er hat durch unsere kaukasische Kunst

122
00:09:00.000 --> 00:09:03.000
angefangen, überall zu malen in seinem Bild.

123
00:09:03.000 --> 00:09:07.000
Wenn du seine Bilder siehst, später,

124
00:09:09.000 --> 00:09:13.000
da hast du ein Adler oben, eine Figur unten,

125
00:09:13.000 --> 00:09:17.000
überall war das Bild ausgearbeitet, nicht
nur in der Mitte

126
00:09:17.000 --> 00:09:21.000
und ansonsten weißer Hintergrund, sondern
das ganze Bild

127
00:09:21.000 --> 00:09:28.000
war wie ein Teppich, wie ein Kelim ausgearbeitet.
Und

128
00:09:28.000 --> 00:09:32.000
das sind Austausche gewesen.

129
00:09:32.000 --> 00:09:38.000
Und 1979 habe ich mein Diplom gemacht

130
00:09:39.000 --> 00:09:42.000
und der hat...

131
00:09:43.000 --> 00:09:46.000
Und nach meinem Diplom

132
00:09:48.000 --> 00:09:50.000
musste ich dann raus.

133
00:09:50.000 --> 00:09:55.000
Ich durfte keinen einzigen weiteren Monat in
der DDR bleiben.

134
00:09:55.000 --> 00:09:58.000
Ich musste raus und

135
00:10:00.000 --> 00:10:03.000
er ist auch rausgekommen, der Penck.

136
00:10:03.000 --> 00:10:06.000
Wir haben uns dann in Westberlin getroffen.

137
00:10:07.000 --> 00:10:11.000
Also weil ich aus dem kapitalistischen Ausland
kam,

138
00:10:11.000 --> 00:10:14.000
durfte ich nicht mehr rein,

139
00:10:14.000 --> 00:10:18.000
obwohl ich dann hier Kinder hatte, in der DDR.

140
00:10:18.000 --> 00:10:21.000
Also ich bin Vater geworden und ich hatte Kinder

141
00:10:21.000 --> 00:10:24.000
und ich durfte meine Kinder nicht mehr sehen.

142
00:10:25.000 --> 00:10:29.000
Also das, das war nicht... Ich habe immer aus
Westberlin

143
00:10:30.000 --> 00:10:33.000
durch Touristen Geld geschickt,

144
00:10:33.000 --> 00:10:36.000
zu...

145
00:10:39.000 --> 00:10:42.000
zu der Mutter und

146
00:10:43.000 --> 00:10:47.000
dann habe ich kein Visum mehr gekriegt, um
da reinzukommen.

147
00:10:47.000 --> 00:10:48.000
Ich weiß nicht, warum.

148
00:10:51.000 --> 00:10:55.000
Und mit Penck haben wir weitergemacht,

149
00:10:55.000 --> 00:11:00.000
also weiter gelebt in Westdeutschland, Westberlin
und dann...

150
00:11:01.000 --> 00:11:07.000
Und die Situation im Libanon war,

151
00:11:07.000 --> 00:11:10.000
dass immer Bürgerkrieg war, und man nicht
wusste,

152
00:11:10.000 --> 00:11:14.000
wann der Flughafen im Libanon öffnet.

153
00:11:14.000 --> 00:11:18.000
Und wir haben immer gewartet, bis irgendwann
mal der Flughafen öffnet,

154
00:11:18.000 --> 00:11:23.000
und dann sofort runtergehen, um die Familie
zu besuchen.

